Sprache von hier
Plattdeutsch-AG
Seit 2008 bietet Helga Wittenfeld eine Plattdeutsch-AG in ihrer Grundschule in Hille an. Damals war sie dort noch Lehrerin bzw. Schulleiterin. In der aktuellen Platt-AG sind 15 Kinder aus den 2. bis 4. Klassen dabei.
Der spielerische Unterricht findet nicht am Nachmittag sondern einmal in der Woche am Donnerstag in der letzten Stunde statt. Nicht viel Zeit, um Vokabeln, Gedichte, Texte und Lieder zu lernen.
Das Erlernte bleibt nicht im Klassenraum. Ähnlich wie schon in Petershagen-Frille präsentieren sich auch die Kinder in Hille z. B. beim Weihnachtsmarkt oder beim Plattdeutschen Sprachentag 2025 in Heimsen an der Weser. Der wird vom Verein zur Förderung der plattdeutschen Sprache im Kreis Minden-Lübbecke ausgerichtet, in dem Helga mitarbeitet. Das Motto des Vereins lautet: „Plattdeutsch gehört in Kindermund“. Außerdem gehört Helga dem Forum Niederdeutsch im Westfälischen Heimatbund an.
Video-Schnipsel
Audio-Schnipsel:
Krippe(n)
22.12.2024 (Text Prof. Dr. Wifried Kürschner, Foto HH)
KOLUMNE: NOTIZEN AUS DER SPRACHEBENE
Ich steh an deiner Krippe(n) hier
Von Wilfried Kürschner
Wenigstens zu Heiligabend füllen sich die sonst eher spärlich besuchten Kirchen. Natürlich wird in den Gottesdiensten die Weihnachtsgeschichte nach Lukas vorgelesen. Aber bei allen ökumenischen Bemühungen unter den Konfessionen: Die Texte unterscheiden sich nach evangelisch und katholisch.
„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde“, so die vertrauten Worte nach der Lutherbibel (2017). Dagegen heißt es in der katholischen Einheitsübersetzung (2016) sachlicher: „Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen.“ Ein paar Zeilen später erfahren wir bei Luther: Maria „gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ In der Einheitsübersetzung nun fast gleichlautend: Maria „gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“
Die Krippe ist ein häufiges Motiv in Weihnachtsliedern, ebenfalls mit konfessionellen Gemeinsamkeiten und Unterschieden. In dem Lied, das in der Überschrift zitiert wird, lautet die erste Zeile im „Evangelischen Gesangbuch“ (1994): „Ich steh an deiner Krippen hier“ (Nr. 37). Auffällig ist die Endung -n am Wort Krippe, die im heutigen Deutsch nicht vorgesehen ist. Sie geht auf einen älteren Sprachstand zurück – Paul Gerhardt hat das Lied um 1650 gedichtet. Im „Gotteslob“ (2013) heißt es dagegen in moderner Sprache: „Ich steh an deiner Krippe hier“ (Nr. 256).
Dieselbe veraltete Form mit Endung findet sich evangelischerseits im Liede „Nun singet und seid froh“ in der Zeile „Unsers Herzens Wonne liegt in der Krippen bloß“ (Nr. 35). Wie verfährt das „Gotteslob“? Das Lied ist dort unter einem anderen Titel enthalten: „In dulci jubilo“ (Nr. 253). In der entsprechenden Zeile kommt das Wort Krippe gar nicht vor, stattdessen heißt es dort: „Unsers Herzens Wonne liegt in praesepio.“ Dies ist nun die Ursprungsfassung aus dem 14. Jahrhundert. Es handelt sich um ein sogenanntes „makkaronisches“ Lied, das aus „Nudelversen“ besteht. Man versteht darunter ein Gedicht, in dem mehrere Sprachen gemischt sind, hier Lateinisch und Deutsch. Und praesepium ist das lateinische Wort für Krippe. Neben der ersten Zeile (auf Deutsch: „in süßem Jubel“) kommen in alternierenden Zeilen zahlreiche weitere lateinische Ausdrücke vor, die im „Gotteslob“ dankenswerterweise in den Anmerkungen übersetzt werden. Die rein deutsche Fassung im „Evangelischen Gesangbuch“ ist zur Entstehungszeit von Paul Gerhardts „Ich steh an deiner Krippen hier“ in einem hannoverschen Gesangbuch erschienen. Dabei ist die zweite Zeile der Ursprungsversion, „nun singet und seid froh“, zum Eingangsvers geworden, der mit „jauchzt alle und sagt so“ fortgesetzt wird, worauf dann die KrippenZeile folgt: „Unsers Herzens Wonne liegt in der Krippen bloß.“
Über die Beweggründe, in dem einen Gesangbuch die lateinisch-deutsche Fassung abzudrucken, in dem anderen die rein deutsche, ist mir nichts bekannt, ebenso wenig, was ausschlaggebend dafür war, in dem einen Fall die veraltete Wortform Krippen, im anderen die gegenwartssprachliche zu wählen – rhythmisch-metrische oder durch den Reim bedingte Notwendigkeiten bestehen jedenfalls nicht, wie es etwa in einem anderen Weihnachtslied der Fall ist: „Nun schließt er wieder auf die Tür / zum schönen Paradeis (!) / der Cherub/Kerub steht nicht mehr dafür (statt modern: davor) / Gott sei Lob, Ehr und Preis.“
Wie unterschiedlich die Textgestalt im Einzelnen auch sein mag, erfreulich ist, dass alle erwähnten Lieder als ökumenische Fassungen gekennzeichnet sind. In diesem Sinne: „Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich!“ (EG: Nr. 27, GL: Nr. 247
Outdoor-Krippe, Dezember 2020 in Eickorst
„Krimi-Kaffeezeit“ beim Hörerlebnis Schafmeier in Hille mit „Dornröschens Ende“
Zu einer gemütlichen Lesung mit Andrea Gerecke – und ihrem neuen Fall „Dornröschens Ende“ – lädt Hörerlebnis Schafmeier am Mittwoch, den 13. November, um 15 Uhr ein (Brennhorster Straße 1, 32479 Hille). „Krimi-Kaffeezeit“ ist dann an diesem Ort angesagt, bei dem sonst gutes Hören im Mittelpunkt steht. Neben der Literatur gibt es zum Nachmittag Kaffee und Kuchen fürs leibliche Wohl. Nur mit telefonischer Reservierung unter Tel. 05703-5215219.
Und darum geht es im neuen Krimi: Kaum zu fassen – diesmal bringt doch tatsächlich der ehemalige Mindener Hauptkommissar Alexander Rosenbaum die Botschaft vom Todesfall ins Haus von Floristmeisterin Viola Blumenstengel. Als er einen Strauß für seine Heike kauft, erzählt er von der jungen Frau, die im Tiergarten offensichtlich erwürgt aufgefunden worden war – blumig drapiert: „Ist aus deiner Branche: Felicitas Grünberg.“ Natürlich kennt Viola die Floristin, die gerade fürs Amt als Deutsche Blumenfee im Gespräch ist. Sofort fällt ihr der Eklat am Rande der jüngsten „Internationalen Grünen Woche“ ein, in direkter Verbindung mit dem Vorfall im gefahrvollen Fußgängertunnel beim Internationalen Congress Centrum. Das alles soll Hauptkommissar Jens Pawlowski aufklären? Auf keinen Fall. Also: Ärmel hochkrempeln und mit Tochter Iris zu diesem „blühenden Abgang“ ermitteln…
Einige Passagen aus dem Buch sollen neugierig auf mehr machen, außerdem liefert die Autorin, die in Hille wohnt, Hintergründe zur Entstehungsgeschichte. Im Anschluss wird signiert.
Andrea Gerecke, „Dornröschens Ende“, Berlin-Krimi, CW Niemeyer Buchverlage GmbH,
Taschenbuch, 400 Seiten, 125 x 190 mm, 14 Euro, ISBN 978-3-8271-9290-5, auch als E-Book erhältlich (8,99 €)
Weitsicht
24.10.2024 (Text und Foto Prof. Dr. Wilfried Kürschner, Vechta)
… nicht gegen den Wind
„Wildplassen is verboden“ – so ist auf einem Schild zu lesen, das in der Innenstadt von Amsterdam in etwa zwei Meter Höhe an einem Laternenmast angebracht ist. Wie gut, dass das Deutsche mit dem Niederländischen verwandt ist und man verstehen kann, dass hier auf etwas Verbotenes aufmerksam gemacht wird. Was genau gemeint ist, ergibt sich aus dem Wort wildplassen aber nicht unmittelbar. Zwar ist sein erster Bestandteil, wild, auch im Deutschen vorhanden, aber zu plassen gibt es nichts Verwandtes, noch nicht einmal im Plattdeutschen, das ja dem Niederländischen oft näher ist als das Hochdeutsche. Worum es geht, wird auf dem Schild durch ein Bild verdeutlicht.
Dort ist ein Strichmännchen abgebildet, dem in Höhe Körpermitte ein satter Strahl entströmt. Ein diagonal durch die Zeichnung gezogener dicker roter Balken zeigt an, dass die dargestellte Handlung nicht vollzogen werden soll. Die verbal auf Niederländisch ausgedrückte Botschaft wird somit durch ein universell verständliches Bild verdoppelt. In der Sprachwissenschaft wird eine solche Vervielfältigung als Redundanz bezeichnet.
Dasselbe Piktogramm findet sich auch auf dem an der gegenüberliegenden Seite am Laternenmast angebrachten Schild. Hier wird auf Englisch verkündet: „No public peeing. Itʼs illegal.“ Mit dieser Steigerung der Redundanz durch Verwendung der internationalen Verkehrssprache Englisch sollte nun wirklich jeder verstanden haben, was gemeint ist, wenn er vielleicht auch hier erstmals auf das englische Wort to pee stößt. Was hat es damit auf sich? Dem „Shorter Oxford English Dictionary“ (meinem Lieblingswörterbuch) ist zu entnehmen, dass pee ein Euphemismus, also ein beschönigendes Wort, für piss ist. Es bezieht sich auf dessen ersten Buchstaben, p, und gibt den Namen dieses Buchstaben, englisch „pi:“, wieder. Man könnte vom „p-Wort“ reden in Anspielung auf das „N-Wort“ für Neger.
Wenn wir uns den englischen Text genauer ansehen, stellen wir fest, dass zwei seiner Wörter lateinische Wurzeln haben: public und illegal. Ersteres geht zurück auf publicus und bedeutet ›öffentlich‹; es gehört zu populus ›Volk‹. In illegal steckt legalis ›rechtmäßig‹, und das il- ist ein lautlich angepasstes in- mit der Bedeutung ›un-, nicht‹. Auch pee kommt in der Langform piss aus dem romanischen Bereich und hat mit pisser einen Vorläufer im Französischen. Von dort wurde es im 14./15. Jahrhundert auch ins Deutsche übernommen, zunächst ins Niederdeutsche, von wo aus es gemeinsprachlich wurde und in der Umgangssprache seinen festen Platz hat, allerdings als derb gilt.
Die Beobachtung, dass zwei, wenn nicht gar drei der sechs Wörter im englischen Text lateinisch-romanischen Ursprungs sind, ist Beleg für die Feststellung, dass fast zwei Drittel des englischen Wortschatzes dorther stammen, dass es sich in dieser Hinsicht beim Englischen nicht um eine gleichermaßen germanische Sprache handelt wie beim Deutschen oder Niederländischen. Es lohnt sich also für den Englischlerner, sich auch dem Lateinischen zu widmen, weil er dann eine Vielzahl von ihm begegnenden Wörtern aus dieser Sprache ableiten kann.
Dass es günstig ist, Latein, die alte Universalsprache, zu können, erwies sich auch beim erwähnten Amsterdam-Besuch. Nach ausführlicher Betrachtung der Wildpinkelverbotsschilder schlenderten wir weiter durch die Stadt, als meine Frau ein Monument erblickte. Es besteht aus sieben meterhohen Säulen aus Metall, die an der Spitze durch sechs Querbalken verbunden sind. Dieser Fries enthält in Großbuchstaben folgenden Text: | HOMO | SAPIENS | NON | URINAT | IN | VENTUM |. Auf Deutsch: „Ein weiser/kluger Mensch/Mann uriniert/pinkelt nicht in/gegen den Wind“. Im Internet ist über dieses im Leidseplein-Viertel platzierte Monument zu lesen, dass es 1991 von der Architektengemeinschaft Zaanen Spanjers errichtet wurde. Bei der Inschrift handele es sich um einen „wisecrack“, eine Witzelei (www.citylikeyou.com/amsterdam).
Um Näheres zu erfahren und wieder einmal die künstliche Intelligenz ChatGPT auf ihre Leistungsfähigkeit zu testen, stellte ich dort eine Suchanfrage und erhielt in Windeseile folgende Antwort:
„Der Spruch ,HOMO SAPIENS NON URINAT IN VENTUM‘ ist ein lateinisches Sprichwort, das übersetzt etwa bedeutet ,Der weise Mensch uriniert nicht in den Wind‘. Es wird oft als eine metaphorische Warnung verstanden, dass man bei seinen Handlungen und Entscheidungen vorsichtig sein sollte, insbesondere wenn diese negative Konsequenzen haben könnten.
Der Spruch betont also die Wichtigkeit von Weitsicht und Vernunft. In einem weiteren Sinne kann man ihn auch als Aufruf interpretieren, klug zu handeln und sich nicht in Situationen zu bringen, die einem selbst schaden könnten. Es ist eine Art humorvoller oder salopper Lebensweisheit, die oft in Gesprächen verwendet wird, um auf die Bedeutung von pragmatischem Denken hinzuweisen.“
Nicht schlecht, oder ?
Sieger 2024 - Plattdeutsche Vorlesewettbewerb
Wir bedanken uns für die Einsendung, bei den teilnehmenden Kindern der Grundschule Hille und deren Betreuerin Frau Helga Wittenfeld.